ICH BIN MIR ZIEMLICH BESTER FEIND //

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with special thanks to photographer: Josef Beyer

Wahrscheinlich hast du einige Freunde, gute und entferntere. Vielleicht noch aus Schulzeiten, oder aus deiner Ausbildung, deinem Beruf. Die nette Kollegin oder die Nachbarin, die dir vertraut wurde oder die Kindergartenmami, mit der du immer ein paar Worte gewechselt hast, bis ihr euch schließlich zum Frühstück verabredet habt, sobald der Nachwuchs untergebracht war.

Du hast im Laufe deines Lebens sicher auch erfahren, was Freundschaft bedeutet: echte Freundschaft lebt von echtem Interesse aneinander, davon, dass die Beziehung gepflegt wird, dass man sich auch mal für den anderen engagiert, auch mal eigene Interessen zurück stellen kann, wenn es für den anderen gerade wichtig wäre, man gerne mit dem anderen spricht und Zeit verbringt, ihm Vertrauen und Wohlwollen schenkt. Und auch mal nachsieht, wenn der andere sich nicht ideal verhält oder darüber nachdenkt, wenn er eine sanfte Kritik anbringt.

Dauerhaft fehlendes Interesse, das sich-selbst-immer-wichtiger-nehmen als den anderen, wenig Engagement für die Freundschaft zerstören nach und nach Vertrauen und schließlich auch die Beziehung zueinander. Auch ständiges Vergleichen und Konkurrieren zerfressen mit der Zeit jede Freundschaft.

Gut so weit – aber wie sieht es mit dir selbst aus? Bist du dir selbst auch ein guter, ein richtiger Freund? Oder eher dein bester Feind?
Welche Beziehung pflegst du zu dir selbst, hast du überhaupt eine Beziehung zu dir?
Gibt es in deinem inneren Team auch den wirklich guten, wohlwollenden Freund, oder nur den Kritiker, den Ankläger oder gar Richter? Oder den Selbstdarsteller, Aufschneider, dem du in Wirklichkeit auch nicht glaubst?

Unsere Welt, unsere Medien, ja manchmal sogar unsere Ansprüche aneinander sind heute geprägt von schier unerreichbaren Vorgaben perfekt, besonders, herausragend sein zu müssen. Nur dann sind wir es scheinbar wert Beachtung oder Zuneigung zu finden, nur dann können wir „mithalten“ mit dem derzeitigen Zeitgeist.

Diese Erwartungen, die wir längst verinnerlicht haben, decken sich oft mit den Erwartungen, die Eltern und Lehrer als Kind an uns stellten: gut, erfolgreich, fleißig zu sein, keinesfalls mittelmäßig. Und später kamen die Erwartungen unserer Clique hinzu, wie man auszusehen, was man anzuziehen, was man zu tun oder lassen hatte.

Viele von uns haben auf diesem Weg den wirklichen Kontakt zu sich verloren, zu dem Wesen, das sie in ihrem tiefsten inneren sind und waren.
Spüren tun wir das durch eine zunehmende Unruhe, es scheint immer etwas zu fehlen und dieses Fehlende raubt uns die Ruhe, lässt uns dauernd unterwegs sein, eigentlich immer auf der Suche.

Was würde ein guter Freund mit diesem getriebenen nervösen Geschöpf tun? Er würde sagen, `komm, setz dich erst mal, atme einmal durch, mach dir einen Tee, geh ein bisschen spazieren`. Er hätte Verständnis für deine Not, für deine Angst, für deine Sorge.

Bist du dir das alles? Gehst du mit dir selbst so um, wie du es mit deiner besten Freundin machen würdest, genauso wertschätzend und wohlwollend? Genauso fürsorglich?
 Oder treibst du dich gnadenlos weiter, unterdrückst jede Schwäche, versuchst immer noch ein bisschen perfekter zu werden und zu handeln?

Das Streben nach dieser Perfektion, die daraus entstehende Hektik zerstört die Beziehung zu uns selbst und leider oft auch die Beziehungen zu unseren Lieben.

Du reibst dir ungläubig die Augen? In einer Welt voller Selbstdarstellung, Selfiekultur, und Jeder-

ist-sich-selbst-der-Nächste-Mentalität, soll nun jeder auch noch sich selbst ein Freund sein??

Selbstfürsorge, zu sich selbst eine echte Beziehung zu pflegen, bedeutet genau das Gegenteil von dem, was heute passiert. Es geht eben nicht um das perfekte Aussehen, die beste Figur, den größten Erfolg, den besten Lebensplan, nicht mal um die größte Hilfsbereitschaft oder Bescheidenheit. Es bedeutet sich erst einmal vorbehaltlos kennen zu lernen und zu akzeptieren wie man ist. Und dann freundlich und menschlich zu unterscheiden, was ist meine persönliche Gegebenheit, meine Begrenzung, meine Stärke, meine Schwäche, was von außen aufgezwungen, was ein tiefes Bedürfnis und auch wo flüchte ich, weiche ich aus?

Dazu braucht es zuallererst einmal ein Innehalten, den Wunsch die Person, die man da im Spiegel sieht wirklich wahrzunehmen, zu verstehen! Zu erkennen, warum sie es so nötig zu haben glaubt, so zu sein, wie der Zeitgeist es von ihr erwartet, welche Ängste in ihr lauern, warum sie so gnadenlos mit sich umgeht. Und warum sie niemals wagen würde, das zu zeigen.

Um eine echte Beziehung zu dieser Person, die du bist, aufzubauen, braucht es Zeit und Hinwendung, Rückzug und Selbstreflexion. Und das möglichst täglich.
Es nützt nichts dreimal in der Woche ins Fitnessstudio zu rennen, während unser Innenleben immer hohler wird und verkümmert. Und leider können wir diese Selbstfürsorge nicht an jemanden anders delegieren, wie es heute so gerne geschieht: soll doch der/die sich darum kümmern, dass es mir gut geht!

Nein, das müssen wir selber tun, am besten wie das tägliche Zähneputzen, mindestens aber ein paar mal in der Woche:

Still werden, sich zurückziehen, fühlen, nachdenken, meditieren, es mit sich selbst aushalten, in einer wohlwollenden und freundlichen Haltung all unseren Stärken und Schwächen, unseren Unzulänglichkeiten und Erfolgen gegenüber. Frieden schließen mit unseren Gegebenheiten. Mit dem was uns gelingt und dem was uns verwehrt bleibt. Auch mit den Dingen, die unseren Erwartungen und unserem Selbstbild widersprechen.

Lassen – um gelassen zu werden, sich besinnen – um besonnen zu werden. Sich selbst vom feindlichen Antreiber zum liebevollen Freund werden....

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