GÄSTE // TEIL II

COUCHSTORIES //

DIE ROLLE DES GASTGEBERS

Betrachten wir das eigentliche Ritual der Bewirtung von Gästen, stossen wir auf größte Unterschiede nicht nur zwischen Kulturen und Völkern, sondern auch von Familie zu Familie. Wie wir unsere Rolle als Gastgeber empfinden, entspringt unserer Kultur, den gesellschaftlichen Verpflichtungen, unserem Stand, der Familiengeschichte und schließlich unserer Persönlichkeit. Wir outen also als Gastgeber unsere gesamte Herkunft und den augenblicklichen Status, genauso wie unsere innere Einstellung uns selbst und anderen gegenüber. Entsprechend hoch sind die Erwartungen die wir an uns selbst stellen, beziehungsweise an uns gestellt glauben.

„Kommen heute Gäste?“, ist die übliche Frage der heimkehrenden Kinder, die die Mutter zwischen Kochtöpfen, Staubsauger und Wäscheschrank rotierend vorfinden.

In unseren Breiten ist das Empfangen von Gästen in der Regel eine höchst private Angelegenheit, die meist in den eigenen vier Wänden stattfindet.

Kurz nach Aussprechen der Einladung wird daher den meisten Gastgebern mit mulmigen Gefühlen klar, dass der Gast möglicherweise in unserem Heim Rückschlüsse nicht nur auf unseren Geschmack, sondern gleich auf unseren gesamten Charakter ziehen könnte.

Sofort melden sich unsere sämtlichen, in anderen alltäglichen Situationen meist erfolgreich zum Schweigen gebrachten inneren Stimmen mit ungewohnter Macht zu Wort:

Auf einmal nehmen wir unsere Behausung mit den Augen Fremder war, und sehen plötzlich die Staubflocken unter dem Sofa, die Katzenhaare auf der Küchenbank und die ungeputzten Fenster. Das Besteck ist auf einmal nicht mehr vollständig, die Teller haben Macken und die Gläser sind seit dem letzten Spülmaschinengang von einem Grauschleier getrübt. Die gesamte Einladung scheint ungeahnte Prüfungsausmaße anzunehmen. Je nachdem wie ausgeprägt unser Hang zum Perfektionismus ist, verfallen wir mehr oder weniger in Putz-, Einkaufs-, und Kochaktivitäten.

Wenn wir unsere Gäste gut kennen, überwiegen meist die Freude auf Geselligkeit und Unterhaltung.

Anders verhält es sich, wenn wir nur wenig über die Erwartungen und Bedürfnisse unserer Gäste wissen und womöglich eine besonderen Stand des Gastes Berücksichtigen müssen, wie bei dem Chef oder Kollegen.

Für manch einen Gastgeber wird angesichts dieses Anspruches die Einladung zum Stress in puncto Speisenangebot, Tischsitten und Gesprächsthemen. Letzteres gilt im umgekehrten Verhältnis auch für den Gast, der vielleicht beklommen in eine ihm ungewohnte Situation kommt („...was bringt man jemandem mit der schon alles hat? ...wie isst man Scampis? ...wie lehne ich die verhasste Leberpastete ab, ohne den Gastgeber zu beleidigen?). Auch der Gast gibt bis zu einem gewissen Grad seine Kinderstube, Bildung und Anstand und seine

Selbstsicherheit preis.

ANDERE MENSCHEN ANDERE SITTEN

Ist die Hürde der Vorbereitung einer Festlichkeit schließlich genommen, finden sich Gastgeber und Gast neuen Anforderungen gestellt. Seit Kindesbeinen haben wir, in der Hoffnung gemocht zu werden, gelernt uns den Erwartungen anderer anzupassen. Dies bei mehreren Gästen unter einen Hut zu bringen ist nicht immer ganz leicht. Während die einen Gelassenheit und Stil demonstrieren wollen, gefallen sich andere als Alleinunterhalter und bringen die Stimmung durch langweilige Monologe auf den Nullpunkt, während Dritte partout die Grundsatzdiskussion mit dem politisch Andersgläubigen durchsetzen möchten.

Gleichzeitig soll niemand merken, dass es bei Ehepaar XY nicht mehr stimmt, was man im Vertrauen erfahren hat, und schon gar nicht, dass der Einladung ein heftiger Streit zwischen den Gastgebern voraus gegangen ist. Die beste Freundin hat gebeten, sie nicht neben Onkel Xaver zu setzen, der nach dem zweiten Glas Wein schlüpfrige Witze zum Besten gibt, und das gefährlich triumphierende Glitzern in den Augen der Kinder angesichts Vaters Suppe schlürfendem Kollegen nonverbal zu stoppen.

Es bedarf außerordentlich diplomatischen Geschickes um die Balance zwischen den Bedürfnissen der einzelnen Gäste und Gastgeber zu finden und zu bewahren. Und schließlich eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen, in der wir uns entspannt begegnen und unsere wertvollen Beziehungen pflegen können.

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