BÜHNEN DER EITELKEIT //

COUCHSTORIES //

photographer: Arton Sefa

Neulich in der S-Bahn: Noch bevor ich meine Zeitung, die ich eigentlich in Ruhe lesen wollte, aus der Tasche genommen hatte, konnte ich schon an einem erregten Streit -per Handy- von einer Mitreisenden hinter mit, offenbar mit ihrer Mutter teilhaben. Eine junge Dame mir gegenüber erzählte telefonisch in epischer und intimer Breite von ihrem Liebeskummer, der junge Mann neben mir hatte seine Ohren mit wummerndem Dröhnen zugestöpselt, das sich fast physisch übertrug, während er in wahnwitziger Geschwindigkeit die Tastatur seines Handys bediente und ein eiliger Geschäftsmann mit falsch geknöpftem Sakko und loser Krawatte versuchte klackernd Texte in seinen Mini-Laptop einzugeben. Als ich meinen Blick so über die zahlreichen Techniknutzer schweifen ließ, dachte ich, vielleicht habe ich zufällig das Abteil der technisch Hochgerüsteten und emotional Angeschlagenen erwischt, während in einem anderen die friedlich lesenden, träumenden oder sich gedämpft miteinander unterhaltenden Zeitgenossen fahren?

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass die Nutzung von Mobiltelefonen unweigerlich ein Anheben von Stimme und Lautstärke mit sich bringt? Vielleicht traut der moderne Mensch den unsichtbaren Wellen ja doch nicht ganz und versucht die Distanz durch „Übertönen“ auszugleichen. Und wieso erzählt er auf diese Weise Dinge, die unsere Vorfahren kaum hinter vorgehaltener Hand geflüstert hätten, einem ganzen Wagon?

Moderne Technik ist aus unser aller Leben nicht mehr weg zu denken. Digitale soziale Netzwerke erleben sprunghafte Zuwächse und erlauben die Bildung von Interessengemeinschaften und Informationsflüssen, die ungeahnte Ausmaße annehmen und unglaubliche Wirkungen hervorrufen können, vom Sturz einer Regierung bis zum Polizeieinsatz fordernden „Run“ auf eine Schülerparty.

Wie immer gibt es außer der segensreichen auch die dunkle Seite des Fortschritts: Eine Freundin, die sehr viel Kummer mit ihrem Sohn hat, bringt mir eine andere Welt von „facebook“ näher. „Weißt Du,“ sagt sie und schiebt mir ihren Bildschirm hin,“ so weiß ich wenigstens wo er ist und was er macht!“ Und tatsächlich, „ bin gerade im Baumarkt,“ „ bin beim Einkaufen, tanke dann noch,“ „ bin heute Abend im Club“, kann ich da lesen. Darunter blobbt ein „I like it“- button auf. Aha!?

„Um „Facebook“ oder „Instagram“ kommt man heute nicht mehr herum!“ erklärt mir eine junge bildhübsche Studentin, „man erfährt sonst einfach nichts mehr, nicht einmal was in der Clique los ist und Fotos kriegt man sonst gar nicht zu Gesicht! Aber wissen Sie,“ fährt sie fort, “ ich hab schon richtige Depressionen deswegen. Wenn ich immer lese, was die anderen alles Tolles unternehmen und erreichen…, irgendwie findet das Leben immer anderswo ohne mich statt!“

Da haben wir sie also: eine weitere Kehrseite der allgemeinen öffentlichen Mitteilungs- und Selbstdarstellungswut.

Nicht nur dass die ständige Überflutung mit Geschichten, Nachrichten, Tönen und Bildern immer öfter die Schmerzgrenze überschreitet, sie scheint, wie Werbung, auch Auswirkungen auf uns zu haben, die uns nur schwer bewusst werden. Viele von uns beginnen sich und ihr Leben immer mehr zu vergleichen oder gar in Frage zu stellen, angesichts der Möglichkeiten und Gelegenheiten, die sie ständig vorgeführt bekommen und womöglich verpassen. Wir vergessen dabei gerne, dass die digitalen Medien, genauso geduldig wie Papier, Vielen als Projektionsflächen dienen, wo getäuscht, fantasiert und geschönt werden kann.

Und dem sind wir besonders dann ausgesetzt, wenn diese Bühnen von manchen Mitmenschen dazu benutzt werden das eigene Leben detailliert zu zelebrieren, so als würde es dem eigenen Dasein endlich Bedeutung verleihen, wenn man sich eines vermeintlichen Publikums bewusst sein könnte, sozusagen ein Schauspieler im eigenen Leben. Wie viel Eitelkeit oder auch Unsicherheit und Sehnsucht nach Anerkennung mag hinter diesen Fassaden wohnen?

Und wie viel Kraft und Energie fressen all diese Medien von uns allen, indem sie uns zu ständiger Erreichbarkeit, zu ständigem „Dranbleiben“ auffordern, uns Informationen aufdrängen, ohne die wir in der Vergangenheit ganz gut ausgekommen sind, die wir aber nun nicht mehr zu ignorieren wagen.

Die krank machende Aufforderung dahinter an uns alle lautet: Optimiere dein Leben!

Vergleiche Dich mit all den vermeintlich „Coolen“, Begünstigten und Erfolgreichen und mach es genau so. Finde die besten Freunde, die besten Kontakte, das beste „Event“, die besten Tipps, Tarife und Preise! Tilge Kummer, Unlust, Fehlbarkeit und Schwäche aus deinem Dasein, wenn du dich genug anstrengst, schaffst du das!

Diese Verzerrung und Verkennung der Realität und unserer menschlichen Gegebenheiten bescheren uns zusammen mit einigen unserer typischen Eigenschaften, wie Perfektionismus, Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit eine Flut chronisch erschöpfter Menschen.

Nehmen Sie sich heuer ein Beispiel an dem herbstlichen Rückzug der Natur und halten Sie inne. Suchen Sie nicht nur Ruhe, sondern Stille und lauschen Sie Ihrer inneren Stimme. Folgen Sie Ihren ureigensten Impulsen, die Sie genau spüren lassen, wann Ausruhen und Rückzug notwendig sind. Schaffen Sie sich Erholungsinseln im Alltag, in denen Sie Radio, Fernsehen, Handy und Computer ausschalten, keine Nachrichtenmagazine lesen. Sammeln Sie Energie indem Sie Ihren persönlichen „Standby“- Schalter ausschalten. Die Abwärtsspirale der Erschöpfung wird durch ein einziges Wort unterbrochen: Es lautet „NEIN“.

In diesem Sinne auf in die „Stille Zeit“.

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