• Hildegard

ME FIRST?! //


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Egal zu welchem Medium wir greifen – Zeitschrift, Facebook, Youtube, Instagram usw., wir finden überall Artikel, Filmchen, Blogs zu Themen wie Selbstliebe, Selbstoptimierung, Ichfindung, Selbstwertgefühl, Selbst und Lebensgestaltung. Die Begriffe werden dabei ohne scharfe Abgrenzung oder Definition kunterbunt und synonym verwendet.

Und immer öfter beschleicht viele von uns ein seltsames Gefühl angesichts des Ausmaßes von Selbstdarstellung und Ich-Kult.

Die Welle der „Selfie“- Empfehlungen schwappte erst in den 80iger Jahren aus USA zu uns herüber und paarte sich mit den späten 68iger Bewegungen der sexuellen und Selbstbefreiung, der Entstaubung miefiger Konventionen.

Bis in die 60iger Jahre hinein galt es als Tugend, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, das Wohl des anderen über das eigene zu stellen. Bescheidenheit war noch eine Zier, mit materiellen Errungenschaften zu protzen, schrieb man eitlen Neureichen zu und Eitelkeit war eine Sünde.

Bis in diese Zeiten hinein spielten Eltern mit nur verhohlenem Stolz die Leistungen ihrer Kinder herunter, Glück wurde verschämt als Gunst des Schicksals oder Zufall bewertet, keinesfalls dem eigenen Geschick zugeschrieben. Insgeheim herrschte auch bei uns die arabisch beheimatete Angst vor „dem bösen Blick“, man tat alles, um nicht Neid, Missgunst oder Eifersucht bei anderen auszulösen. Man wollte nicht nur das Schicksal, sondern auch die Mitmenschen „wohl gesonnen“ stimmen. Was die „anderen Leute oder die Nachbarn“ sagen werden, wog noch schwer und schränkte die Entfaltung des Einzelnen stark ein.

Da erschien die neue Welle der Selbstbetrachtung, die wachsende Ansicht eine positive Einstellung sich selbst und den eigenen Wünschen gegenüber würde zum ultimativen Glück führen, wie eine Befreiung aus Verbiegung und Duckmäuserei, aus Hemmung und Minderwertigkeitsgefühlen.

So weit, so gut! Doch wo stehen wir heute?

Wie immer, wenn ein Pendel an einem Extrem befestigt war, schwingt es, losgelöst, erst einmal ins andere Extrem:

Heute scheint das eigene Befinden, das eigene Wohlergehen, die eigene Sichtweise, oberste Priorität zu besitzen. Wenn der andere damit nicht zurecht kommt, ist das eben sein Problem und er hat daran zu arbeiten. Das eigentlich Gute an der Idee der Stärkung von Selbstwertgefühl wird bis zur Unkenntlichkeit pervertiert und damit zur absoluten Ellbogen- Ichbezogenheit. Genauso wie die Bedürfnisse anderer aus dem Blickfeld geraten, verschwinden auch Werte, wie echte Beziehung, Familie, Gemeinschaft und Gruppengefühl immer mehr am Horizont.

Neue Forschungen zu „Ich-Themen“ bestätigen, dass es keine gute Idee ist ständig eine noch bessere Version von sich selbst werden zu wollen, sich und das eigene Leben permanent optimieren zu wollen. Das unentwegte Kreisen um sich selbst hat mit gesunder Selbstreflexion nichts mehr zu tun und macht nachweisbar zunehmend unzufrieden und unglücklich. Nebenbei zerfallen Halt gebende Strukturen, es gibt die „Familie“ nicht mehr, nicht zuhause, nicht im Büro und nicht in der Clique. Isolation und Einsamkeit greifen um sich und irgendwann gehört jeder „nicht mehr dazu“.

Es wird also höchste Zeit das Pendel in die gesunde Mitte schwingen zu lassen, ein gesundes Maß zu finden, zwischen ich und du, zwischen ich und wir, zwischen ich und ihr.

Wir alle wünschen uns ein gutes Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein und wenn man Eltern befragt, was sie ihren Kindern mitgeben möchten, stehen diese Eigenschaften an oberster Stellen. Aber wir alle wünschen uns für uns und unsere Kinder auch ein Eingebettetsein in eine Gemeinschaft, ein Eingebundensein in die Gesellschaft, einen Wert darin.

Wenn man in Gruppen den höchsten persönlichen Wert herauskristallisiert, wird er zu 80% mit „Zugehörigkeit“ beschrieben. Ohne Gemeinschaft nützt uns also unser schönst poliertes Ich nichts mehr. Wir Menschen sind „Rudeltiere“, die Anzahl der Eremiten, der überzeugten Einzelgänger ist höchst gering.

Das bedeutet, dass wir nicht nur für uns selbst etwas tun, nicht nur an uns selbst denken müssen, sondern auch an die Gemeinschaft in der wir leben. Wenn wir nicht eine archaische Hackordnung zurück haben wollen, in der nur der Stärkste überlebt, müssen wir uns wieder besinnen auf die Regeln des Miteinander, auf Rücksichtnahme und Achtung vor dem Anderen.

Schon unsere Kinder können lernen, dass nicht immer nur ihr Wille zählt, sondern auch der Wille der Eltern oder Geschwister und dass es wichtig ist eine Balance der Interessen zu finden, indem man sich auch mal fügt oder „Deals“, Kompromisse findet. Deshalb braucht es keine expliziten Gewinner oder Verlierer zu geben, im Respekt vor den Gefühlen aller Beteiligten, lassen sich gute Lösungen finden.

Gerade in der Reibung an anderen wächst unsere Selbsterkenntnis, auch in den Bereichen, die wir nicht so gern anschauen, wenn wir zulassen, dass wir auch einmal irritiert oder erschüttert werden. Man muss es nicht so machen, wie der andere will und man muss nicht so sei, wie einen der andere haben will, aber die Meinung des anderen erst einmal vorbehaltlos und urteilsfrei anzuhören, stellt immer eine Bereicherung da. Kommen wir doch dadurch zu einer Erweiterung unseres eigenen Horizonts oder aber auch zu einer größeren Sicherheit in uns selbst.

Ein gesundes Selbstwertgefühl respektiert die eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Meinungen genauso, wie die des Gegenübers. Und ein gesundes Selbstbewusstsein trumpft nicht durch Selbstdarstellung auf, sondern kann sich auch einmal in den Dienst des anderen Stellen, wenn es notwendig ist. Ein echtes in sich Ruhen bringt also auch Ruhe und Wachstum in die Gemeinschaft.

Liebe dich selbst WIE/ UND deinen Nächsten, in ausgewogener Balance.

#soulfood #Perfektion #Leben #Psychologie #Healthy #Selbstdarstellung

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